BONAPARTE: „Alleine Kinder zu machen funktioniert ja auch nicht!”

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Der Frontmann von Bonaparte über Dreiecksbeziehungen, Selfies und die Generation Y.

Tobias Jundt, der Frontmann von Bonaparte denkt und spricht in Zitaten: „Ich kann tatsächlich mein Leben in Songzeilen erklären”, meint er in etwas scherzhaftem Tonfall. Seine Texte, die gerade in den „Anti Anti”-Anfangstagen der Band sehr parolenhaft waren, eigenen sich gut dafür. Er bringt die Dinge auf den Punkt, ohne seinem Publikum Raum für Interpretation und Identifikation zu nehmen. Eine Fähigkeit, die ihm von manchem Kritiker den Titel „Sprachrohr der Generation Y” eingebracht hat.

Fühlst Du Dich als Sprachrohr der Generation Y?

Ich weiß nicht, was diese Generation Y sein soll. Bezieht sich das auf die Chromosomen? [lacht]

Wesentliche Merkmale dieser Generation sind, dass sie auf Selbstverwirklichung pocht, sich mehr Freiräume schafft, verrückt nach Technik und sozialen Medien ist und Arbeit und Spaß verknüpfen möchte.

Damit habe ich kein Problem – Arbeit und Spaß zu verknüpfen ist mein Leben! Für die Berlin-Trilogie mag das, was Du aufgezählt hast, zutreffen, aber das Album mit dem Titel „Bonaparte” stellt die Frage: Was wird aus der Generation Y? Es muss doch irgendwann der Schrei nach mehr Mensch und weniger Technik kommen. Die Frage, die sich stellt, muss lauten: Wie schaffe ich einen Spagat zwischen Arbeit, Spaß und dem Leben als einfacher Mensch. Was ist denn am Ende des Tages das, was uns glücklich macht? Das sind doch sehr einfache Dinge. Die müssen reinpassen in dieses „Alles geben! Alles ist möglich! Viel Freiheit! Viel Technologie!”. Die Generation Mensch zählt, das erzähle ich auch in meinem Song „Into The Wild”. Als Künstler muss man Antworten geben und in die Zukunft sehen können.

Den Selife-Hype hast Du in „Me So Selfie” auch schön zusammengefasst.

Der Song wurde schon vor über einem Jahr aufgenommen, aber noch nicht veröffentlicht. Es handelt sich um eine spannende Entwicklung, die in anderen Bereichen schon viel früher stattgefunden hat, in der Musik ist das Selfie schon länger verbreitet als in der Fotografie: Der Mensch, der selbst musiziert, sich selbst aufnimmt, seine Musik selbst hochlädt – fertig.

Du warst zu dem Zeitpunkt, als der Song entstanden ist, in den USA. Viele Trends entstehen dort und schwappen dann nach Europa.

Das stimmt, allerdings weiß ich nicht, ob Bonaparte in New York, Los Angeles oder Austin so entstanden wäre. Deutschland bietet andere Räume, die Amerika nicht mehr hat. Berlin war 2005 für uns ein Spielfeld, 2015 wäre das nicht mehr das gleiche. Ich würde Bonaparte nicht mehr so machen, wie damals. Die USA sind sehr spannend, gerade als Musiker. Da wird nicht lange rumgefackelt. In Berlin kann man mal ein paar Monate lang in den Tag oder in die Nacht hinein leben und dann mal gucken, was passiert. In New York musst du abliefern, jeden Tag.

Wie hat sich Dein Tagesablauf in New York gestaltet?

Neben dem Aufnehmen habe ich Solokonzerte gespielt. Im ersten Monat nur für ein warmes Bier, nur mit einem Monitor und einem Mikrofon inmitten der Leute. Im zweiten Monat habe ich mich auf die Bühne „hochgespielt” und im dritten durfte ich meine Band dazuholen. Dann war es für mich aber gegessen, ich wollte gucken, wie schnell ich Gigs kriege.

„Cut the wire, be a bird” lautet eine Zeile in „Into The Wild”. Bist Du frei wie in Vogel?

Die Zeile ist eine Referenz an den Cohen-Song „Bird on the Wire”. Man soll sich Zeiträume freischaufeln, in denen man ein Vogel sein kann. In diesen Räumen entstehen total spannende Sache. Auch Bonaparte ist aus einem Vakuum heraus entstanden. Die aktuelle Platte, weil ich gesagt habe, ich gehe woanders hin und es geht niemanden was an, was ich dort mache. Dann habe ich eine Platte geschrieben, die sowohl Bonaparte als auch Tobias Jundt ist. Es funktioniert nicht mehr, dass ich mir eine Maske aufsetze, ein schwarzes Auge aufklatsche und das Gefühl habe, ich bin jetzt jemand anderes. Nach sieben Jahren auf Tour ist das nicht mehr möglich. Spagat heißt, dass ein Bein links und ein Bein rechts ist aber beide zum gleichen Mann gehören.

Kommen wir zu einem anderen Song, „Two Girls”: Wie ist das so, in zwei Mädchen gleichzeitig verliebt zu sein?

Ich spreche nicht über die Entstehungsgeschichten hinter meinen Songs. Manchmal stammen die auch aus einer anderen Zeit. Die sind nicht immer jetzt oder im letzten Jahr passiert. Jeder Song hat mit meinem Leben und mit mir als Person zu tun. Es gibt Fälle wo es so scheint, als wäre ich das lyrische Ich und in Wahrheit ist es jemand anderes. Die meisten Songs haben mehrere Arten, wie man sie lesen kann. Wenn man von einer Dreiecksbeziehung spricht, heißt das ja nicht unbedingt, dass ich die Gabelung von dem Y bin. Wie ich versuche mich da schon wieder rauszureden… herrlich!

Angelehnt an das Thema Dreiecksbeziehung: Glaubst Du an das Konzept von Monogamie oder ist das veraltet?

Ich glaube sehr daran! Mein billigster Joke, wenn es in Interviews um „Two Girls” geht, ist derzeit: Liebe ist wie Songwriting, man kann schon mal in der Gruppe Lieder schreiben, aber die sind meistens nicht so gut. Songwriting funktioniert besser alleine oder zu zweit. Die Hits schreibt man am besten zu zweit.

Tatsache?!

Neee… die schreibt man alleine. Aber ich wollte auf die Liebe zurückkommen. [lacht]  Alleine Kinder zu machen funktioniert ja auch nicht, das habe ich auf „L’Etat C’est Moi” schon abgehandelt. Mein Über-Ego-Song, in dem singe ich, dass ich mit mir selber Kinder mache. Ich glaube schon an die Monogamie und finde es toll, wenn Menschen das ein Leben lang schaffen ohne dass es ein Zwang ist, der von Religion oder Anstand diktiert wird. Wenn das aber nicht so ist, ist das auch keine Sünde. Das Leben passiert in Phasen. Die Ideologie, die ich jetzt vertrete, ist vielleicht in fünfzehn Jahren eine andere. Der Mensch, der jetzt zu mir passt, ist vielleicht in fünfzehn Jahren ein anderer. Natürlich versucht man bzw. auch ich, dass eine Beziehung für immer ist. If nothing lasts forever, say, can I be nothing? Das schöne in der Liebe ist, dass es in dem Moment für immer ist. Das für immer, das es gibt, ist zeitlich begrenzt. In meiner Band gibt es verschiedene Ausrichtungen, nicht nur hinsichtlich Lebensführung oder sexueller Natur, sondern auch das Konzept Familie betreffend. Ich gehe den relativ konservativen Weg, für mich macht der am meisten Sinn, wenn ich ehrlich bin.

Die Akteure auf der Bühne variieren bei Bonaparte von Konzert zu Konzert. Wie viele sind es bei der Office Session heute?

Drei. Wir konzentrieren uns auf die Musik und nichts drumrum, da es aufgenommen wird und man es eine Ewigkeit hören kann. Wenn wir Shows spielen, nehmen wir gerne auch mal andere Leute mit – Tänzer oder so. Das wurde allerdings auch weniger. Das, was die Leute „Zirkus” nennen, hat sich abgenutzt.

Die Aufnahmen zur Bonaparte Spotify Session könnt Ihr Euch direkt hier anhören, viel Spaß: