William Fitzsimmons: „Manchmal mache ich Terroristenwitze!”

William Fitzsimmons 01„Ich habe heute Nacht nicht so viel Schlaf abbekommen”, entschuldigt sich William Fitzsimmons, als wir ihn zum Interview treffen. Es sei im verziehen, ist es doch erst zehn Uhr morgens. Sehr früh für jemanden, der tags zuvor bis Mitternacht ein Konzert im Berliner Postbahnhof gegeben hat und wenige Stunden später schon wieder auf einer (bedeutend kleineren) Bühne steht, um den optimalen Sound für seine Spotify Session zu checken. Nichtsdestotrotz ist er ein toller Gesprächspartner: William Fitzsimmons ist besonnen, witzig und sehr zuvorkommend. Bevor wir loslegen, bietet er uns noch Kaffee und Croissants an.

Wieso bist Du müde? Hast Du Schlafprobleme, wenn Du auf Tour bist?

Ja. Zu Hause schlafe ich sehr tief, umgeben von meiner Familie. Unsere Tochter schläft im Bett bei mir und meiner Frau. Vielleicht schlafe ich seit ihrer Geburt weniger als früher, aber es ist wunderbar, sie bei mir zu haben. Wenn ich alleine im Bett liege, dann frage ich mich oft: „Wo sind sie alle?”

Bist Du eigentlich ein Morgenmensch?

Das bin ich wirklich, schon von frühester Kindheit an. Auch während meiner Zeit auf der Highschool und dem College war ich ein Frühaufsteher. Ich wache einfach von Natur aus sehr früh auf. Es fällt mir schwer, nach neun Uhr abends noch wach zu bleiben. Ich bin einfach ein alter Mann, der an diesem ganzen Musiker-Ding jetzt teilnehmen darf. Obwohl mir dieser Lebensstil Spaß macht, bin ich eigentlich nicht dafür gemacht.

Du beschreibst Dein 2013 veröffentlichtes Album „Lions” als eine Reise zu dir selbst. Welche Geschichte liegt dieser Aussage zugrunde?

Ich konnte auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen, also befasste ich mich mit der Idee von Adoption. Die Initialzündung für das Album war der Zeitpunkt, als ich die biologische Mutter meiner Tochter traf, sie kennenlernte und eine platonische Beziehung zu ihr aufbaute. Der Moment, als sie sich im Krankenhaus von ihrem Kind verabschieden musste, ist in jedem einzelnen Song des Albums zu spüren. Es ist ein extremes Gefühl, ich musste in meinem Leben noch nie so viel weinen. Dennoch ist „Lions” ein sehr freudiges Album und das hellste Ding, das ich jemals hervorgebracht habe. Es geht darum, dass etwas gleichzeitig sehr liebevoll und verwirrend sein kann.

Das ist doch durchaus erfreulich. Was hältst Du vom Mythos des leidenden Künstlers? Muss man leiden, um etwas Großes zu erschaffen?

Natürlich kreiert Leiden große Kunst, aber jede andere Emotion auch. Nehmen wir „Vier Jahreszeiten” von Vivaldi: In „Frühling” ist so viel Freude zu spüren, dass es fast lächerlich ist. Vivaldi war ganz bestimmt nicht deprimiert, als er dieses Werk komponiert hat. Ein anderes Beispiel ist Händels „Messias”: „Denn die Herrlichkeit Gottes” ist ein sehr frohes Stück. Die Vorstellung vom leidenden Künstler hat mich eine Zeit lang ziemlich gefangen genommen. Ich habe mich sehr von Nick Drake angezogen gefühlt, alle seine Biografien gelesen und Dokumentationen gesehen. Aber wäre es nicht viel cooler, wenn es ihm wieder besser gegangen wäre, er weiterhin Musik gemacht und sich der Herausforderung gestellt hätte, wieder gesund zu werden? Ich habe eine Entscheidung für mich getroffen, als ich damit begonnen habe, Prozac zu nehmen. Sagt Euch das was?

Prozac ist ein Antidreppressivum, aber wir wussten nicht, dass Du es nimmst.

Seit einigen Jahren schon, ich bin auch zur Therapie gegangen und es hat mein Leben verändert. Ich war selbst ein Psychotherapeut, ich hätte es wissen müssen und diese Hilfe schon viel früher in Anspruch nehmen sollen. Plötzlich war nicht mehr alles um mich herum einfach nur schwarz und schrecklich. Der Unterschied zu heute ist, dass ich die Komplexität meiner Gefühle wieder schätzen kann. Ich muss nicht einfach in meiner Krankheit versinken.

William Fitzsimmons 02Du hast einmal in einem Interview gesagt, dass Humor eine gute Bewältigungsstrategie ist. Welche Art von Humor schätzt Du?

Manchmal mache ich Terroristenwitze auf der Bühne, das sagt eigentlich alles. Es gab schon Situationen, wo ich zu weit gegangen bin. Ich bin ein sehr sarkastischer Mensch, das ist nicht immer nett und ich bin nicht gerne gemein. Allerdings mag ich Menschen, die an diesen Grenzen rütteln. Ricky Gervais finde ich zum Beispiel toll.

Wo entdeckst Du neue Musik?

Entweder ich höre einen Song im Radio oder gehe in einen Plattenladen. Ja älter man wird, desto seltener passiert das aber. The National waren die letzte Band, die ich ganz groß fand. Das war ein ganz besondere Moment, ich hasste The National eigentlich für eine lange Zeit. Ich habe mich immer gefragt: „Warum singt der so?” Am Flughafen Heathrow ist mir dann plötzlich „High Violet” in die Hände gefallen und jetzt bin ich ein großer Fan.

Wer hat eigentlich das Privileg, Deine Songs als allererstes zu hören?

Meine Tochter Josie. Ich habe das gesamte Album geschrieben, während ich mich um sie gekümmert habe – immer von frühmorgens bis spätnachmittags, damit meine Frau ausschlafen konnte. Ihr müsst wissen: Ich bin ein großartiger Dad. Ich habe meine Gitarre genommen und mich mit Josie auf die Terrasse gesetzt. Dann habe ich gespielt und ihr vorgesungen – sie mag nicht alles, was sie zu hören bekommt und manchmal zeigt sie mir, dass ich aufhören soll. Josie ist ein guter Parameter dafür, ob etwas schön klingt. Sie steht auch auf Popmusik.

Was machst Du, wenn sie als Teenager total auf einen Nachfolger von Justin Bieber abfährt?

Dann fahre ich sie und ihre Freundinnen zu einem Justin Bieber Konzert! Ich bin kein Musiksnob – wenn Dir eine bestimmte Musikrichtung gefällt, dann ist das gut so. Und wenn jemand anderes sagt, dass etwas scheiße ist, was kümmert es Dich? Ich war da früher ein ziemlicher Arsch und dachte, ich wäre so viel besser als alle anderen. Aber ich verstehe „Finnegans Wake” von James Joyce auch nicht, wer tut das schon. Wer bin ich also, dass ich sage, was die richtigen Bücher oder die richtigen Platten sind? Obwohl es aus kultureller Sicht schon Dinge gibt, die eine größere Bedeutung haben. Wenn eine Zombie Apokalypse passiert, sollten wir vielleicht doch lieber die Brandenburgischen Konzerte und nicht das letzte Justin Bieber Album retten. Was nicht heißen soll, dass nicht beides seine Berechtigung hat. Für manche hat Justin Bieber einen großen Wert – aber hoffentlich nicht für meine Tochter (lacht).

 

Sollte es jemals zu einer Zombie Apokalypse kommen, würden wir auf jeden Fall auch William Fitzsimmons Spotify Session retten. Die ist nämlich wunderschön geworden und wird noch viele Generationen nach uns erfreuen!