David Lemaitre im Interview

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Für unsere Spotify Session empfingen wir einen echten Weltenbummler im Berliner Spotify-Büro. David Lemaitre wurde in Bolivien geboren, durchquerte halb Europa und entschied sich dann für die deutsche Hauptstadt als vorläufige Heimatbasis. Im April ist sein Debutalbum „Latitude“ erschienen, auf dem sich sowohl ruhige Folk-Momente als auch große Akustikpop-Nummern finden. Wir trafen den Singer-Songwriter direkt nach seinem Auftritt auf ein paar Fragen.

Die gemeinste Frage gleich am Anfang: David Lemaitre in fünf Sätzen?
Ich bin ein Kind von großer Distanz und ein eher introvertierter Typ. Ich bewege mich zwischen südamerikanischer Protestmusik und moderner elektronischer Musik. Hinter diesem Namen steckt mittlerweile eine kleine Familie von fünf Menschen und wir spielen immer zu dritt auf der Bühne. Am Ende ist das ein kleiner globaler Versuch, die Spannweite zwischen dem, was ich in Südamerika, und dem, was ich in Europa in den letzten zehn Jahren mitbekommen habe, in einer neuen Musiksprache zu vereinen. Es ist der Versuch, Folkmusik in einem aktuellen Gewand zu präsentieren.

Viele deiner Lieder handeln von Liebe. Erfüllte, unerfüllte, entstehende, unmögliche. Ist Liebe das wichtigste im Leben?
Ich glaube nicht, dass es das Allerwichtigste ist, aber definitiv ein zentraler Teil von uns allen. Wir haben alle viel zu geben und wollen das teilen. Jeder von uns mag auch Liebe bekommen. Die Hälfte meiner Lieder sind wahrscheinlich davon inspiriert, und die andere Hälfte  sind Lieder, die eher Geschichten erzählen, also nicht direkt von mir handeln. Die Welt zwischen Menschen ist eine unglaublich interessante Welt, die wir gezwungen sind zu überwinden – ob das in einer Beziehung ist, die unglaublich nah ist, oder ob das in der Familie ist, die weit weg ist, oder manchmal in sich selbst… Mich interessiert das Zwischenmenschliche am allermeisten und ich denke, Liebe ist für mich schon immer ein großer Motor für Musik gewesen.

Ist für dich als viel Reisender und Vielgereister Liebe etwas, das Heimat ersetzen kann?
Das tut es in einer gewissen Weise immer. Wir fühlen uns einer Stadt oft sehr nah und merken dann, dass wir uns in dieser Stadt eigentlich in einem relativ kleinen Kosmos bewegen, der meistens viel wichtiger ist als all die Möglichkeiten, die uns irgendwo geboten werden.  Es braucht nur zehn Leute, die  aus einer Stadt wegziehen, um dieses Wort Heimat auf einmal zu relativieren. Zuhause hat sehr viel mit Menschen zu tun und nicht nur mit einem Ort.

 In „Olivia“ gibt es eine Zeile, in der es heißt: „You and me will die alone, you said so“. Hast du Angst davor, alleine zu sterben?
Ob du jetzt sterben wirst oder das, was du gerade tust, die Beziehung, die du gerade hast oder die Arbeit, die dich gerade erfüllt: Es gibt viele Sachen, die uns von heute auf morgen genommen werden können. Dafür bereit zu sein kann man versuchen, aber  eigentlich ist es unmöglich, das immer vorzuahnen und zu akzeptieren. Ich glaube, dass das eine Frage ist, die man vielleicht versucht zu vermeiden, die aber immer da ist. Am Ende des Tages ist man in einer gewissen Weise alleine. Man wird diesen letzten Schritt alleine gehen. Die Zeile, die du zitierst, handelt  von der schwierigen Position in einer Beziehung, wenn man irgendwann einsieht, dass man die andere Person nie wirklich kennenlernen wird, nicht komplett. Und dass es das auch ausmacht, diese Bereitschaft zu sagen, okay, am Ende des Tages wird doch jeder alleine den letzten Schritt gehen müssen. Und das ist ganz gut so.

Da können wir gleich eine zweite Songzeile anschließen.  Auf “Valediction” singst du “Yesterday lies a million years ago / Let it go”. Das ist ein Plädoyer dafür, die Vergangenheit einfach sein zu lassen. Ist der Umkehrschluss daraus, dass du sehr zukunftsgerichtet oder im Jetzt lebst?
Definitiv das Zweite: Der endlose Versuch, immer im Hier und Jetzt zu sein. Ich bin sehr oft umgezogen und hab auf unterschiedlichen Kontinenten und unter unterschiedlichen Menschen gewohnt. Ich merke immer wieder, dass ich nicht gerne an Orte zurückkehren will, weil sich da Erwartungen aufbauen. Selbst wenn man es tun würde, würde man nie an denselben Ort zurückkehren. Deshalb dieser Versuch, einfach nur nach vorne zu schauen und das Zurückgebliebene dort zu lassen. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich versuchen, immer etwas Neues anzufangen, das erwartungslos viel mehr Chancen in sich birgt, als irgendwohin zurückzukehren.

Haben sich im Laufe der Zeit deine Songs in der Bandkonstellation verändert, also wenn sie live gespielt werden?
Definitiv! Das ist etwas, das auch den intimen Moment des Songschreibens beeinflusst, denn man arbeitet mit einer anderen Vorstellung, als wenn man wüsste, man wird alleine auf die Bühne gehen. Auch wenn ich fast alle Instrumente auf der Platte erst mal selber eingespielt habe, sind die Songs sehr bunt ausgefallen. Dieses Multiinstrumentalistendasein war eine Konsequenz daraus, dass wir sehr bunte Songs hatten und uns überlegen mussten, wie wir das zu dritt irgendwie auf der Bühne umgesetzt bekommen. Die beiden sind total angefixt vom Sachen selber bauen. Sebastian hat einen Weinflaschensynthesizer gebaut, damit er eine Hand frei hat zum Klavierspielen, und spielt Cello und Geige gleichzeitig, während Joda auf nem Reisekoffer mit Electronica trommelt. Das ist eher aus der Not heraus gewachsen und mittlerweile eine neue Startposition. Lieder zu schreiben ist ja ein sehr besonderer Prozess, denn am Ende des Tages muss man sich immer wieder selber überraschen. Das ist so wie wenn man Sonntagabend nach Hause  kommt und man hat halt nur ein paar Zutaten da und muss daraus das beste Essen machen, das irgendwie möglich ist. Das kann man auch nicht erzwingen. Die Lieder gehen so ein bisschen ihren eigenen Weg und man versucht ihnen den Weg freizumachen, damit sie irgendwann rund werden. Das ist ein Prozess, der zu dritt auch sehr spannend sein kann und den wir fürs nächste Album womöglich intensivieren werden.

Dein Album ist gerade in Frankreich und Benelux herausgekommen und im Herbst werdet ihr eure erste eigene Tour außerhalb Deutschlands spielen. Ist das aufregend oder nur ein weiterer Teil der Reise?
Es ist ein unglaublich schöner Teil der Reise. Ich hab mir schon immer gewünscht, dass diese Musik, die sich auch von der Verschiedenheit der unterschiedlichen Kulturen nährt, hoffentlich in einer bescheidenen Weise diese Spannbreite bekommt. Ich freu mich natürlich total, dass die Musik in unterschiedlichen Ecken ankommt, auch weil es komplett unterschiedlich ist, Konzerte in jedem Land zu spielen. Das ist wirklich aufregend, auf der Bühne zu stehen und zu merken, dass ein Konzert in Lyon komplett anders ist als ein Konzert in Köln oder Brüssel. Das macht mir unglaublich viel Spaß.

Und wie war die Session im Spotify-Büro?
Das Konzert im Büro war total speziell. Das ist ja so ein intimer Rahmen! Wir hatten sogar zwei kleine Babys im Publikum, das fand ich auch geil. Ziemlich lustig. Hat natürlich total Spaß gemacht. Es hat sich fast gar nicht wie ein Konzert angefühlt, sondern eher wie eine kleine Familienrunde mit den beiden Jungs. Ich bin mal gespannt, mir das anzuhören.

Und wenn ihr ebenso gespannt seid, könnt ihr euch David Lemaitres Spotify Session hier anhören:

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