Our Interview with Laura Jansen

7:19“„Ich bin sehr offen meinen Zuhörern gegenüber ¬– das ist wie eine kostenlose Therapie…”

Laura ist gerade dabei, ihr Equipment vor der Spotify Office Session in Amsterdam vorzubereiten, als wir sie treffen. Die gebürtige Niederländerin, nach eigenen Angaben Tochter einer „ziemlich coolen Mutter”, wuchs in einem Haushalt auf, in dem eine ganz bunte Mischung aus Musik gehört wurde – von „komischen, brasilianischen Protest-Songs” bis hin zu portugiesischen Volksliedern. „Allerdings hörten wir meistens dann doch Queen”, fügt sie mit einem Lachen hinzu. „Ich habe mich eine Woche lang schwarz gekleidet, als Freddy Mercury gestorben ist. Damals dachte ich, er sei heterosexuell und ich war heillos ihn in verliebt…“

Das wundervolle neue Album der in L.A. lebenden Künstlerin Laura Jansen wird durch Auftritte von Keanes Tom Chaplin und dem Sänger/Songwriter, Ed Harcourt, abgerundet.

An was erinnerst Du Dich, wenn Du an die brasilianische und portugiesische Musik Deiner Kindheit zurück denkst?
Vor allem an das Gefühl. In der portugiesischen Musik nennen sie es saudade, was so viel heißt wie Melancholie und Sehnsucht – man kann es förmlich im eigenen Körper spüren. Das ist der Grund, warum alles was ich mache, in diese Richtung geht. Ich identifiziere mich sehr stark mit diesem Gefühl, es ist sehr mitreißend und dramatisch. Ich sehne mich stets nach etwas, was nie war.

Was war die erste Musik, die Du besessen hast?
The Prodigy! Ich war ein kleines Schulmädchen – bis mir jemand ein Tonband der Band gab. Ich erinnere mich daran, wie ich die Kassette während des Kunstunterrichts hörte und die ganze Zeit nur dachte: „Was passiert hier gerade und warum bin ich davon so fasziniert?” Noch im selben Jahr entwickelte sich meine Begeisterung für Rage Against the Machine und Pearl Jam’s Tent. Diese Kombination von Pubertät und richtig guter, aggressiver Musik hat mir vermutlich eine neue Perspektive eröffnet, denn kurz darauf entdeckte ich Portishead – eine überwältigende Erfahrung für mich.

Glaubst Du, dass es diesen einen, perfekten Song gibt?
Ich glaube schon. Allerdings denke ich auch, dass es nicht nur einen davon gibt. So könnte es beispielsweise ein Lied geben, das ich schrecklich finde, während es für dich perfekt klingt. Für mich persönlich wird Kate Bush immer für die vollkommene Musik stehen – sie zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. The Hounds of Love, Big Sky, The Man With the Child in his Eyes und Running up that Hill. Diese vier Lieder sind im Prinzip perfekt für mich.

Was war die letzte beeindruckende Aufnahme, die Du gehört hast?
„Retrograde” von James Blake. Ich mag auch Stromae sehr gerne. Er ist der erste Künstler seit Langem, den ich tatsächlich bei Google gesucht habe, weil ich einfach alles über ihn wissen wollte. Ich finde alles was er tut richtig aufregend. Auch die neue Single von The National hat mich tief berührt – ein wundervoller Nachfolger der letzten Aufnahme.

Wenn wir Dich bei einer Band der Musikgeschichte absetzen könnten…
Oh ja, könntet ihr dann dafür sorgen, dass ich eine Background-Sängerin bei Bob Marley werde? Ich wäre liebend gern eine der drei Frauen, die mit ihm auf Tour gehen und den politischen Umbruch miterleben. Er wirkte auf mich wie ein Prophet, der seine Botschaft verbreitet – das wäre irgendwie faszinierend.

Erzähl uns von „Elba”. Wie fing es an?
„Elba” begann als eine Unterhaltung über Sätze, die immer gleich bleiben – vorwärts wie rückwärts. Der erste Satz dieser Art, den ich lernte war: „Able was I ere I saw Elba“. Der Satz stammt von Napoleon. Nachdem er Europa zerstört hatte, floh er ins Exil und landete auf einem kleinen Felsen, Elba, auf dem er sich selbst zum König krönte und ein Steuersystem einführte. Er baute einen Palast für seine Geliebte und entwarf eine Fahne, die von kleinen goldenen Bienen geziert war. Ich fand das eine ziemlich gute Art und Weise mit einer Situation umzugehen, in der man richtig am Boden (zerstört) ist – die Lage grundlegend zu verändern und das Beste daraus zu machen. Als ich letztes Jahr an den Liedern zu diesem Album schrieb, lag gerade eine schwere Trennung hinter mir. Mein altes Leben schmiss mich einfach raus. Ich musste in dieses neue Leben treten – allein mit meinem neuen Album und einem Koffer – und sehen wie ich zurechtkomme. Also habe ich kurzerhand meine Sichtweise geändert und mir gesagt „Ok, dann machst du dich eben einfach selbst zur Königin dieses kleinen Reichs, das dir geblieben ist, und machst das Beste daraus.“ Elba symbolisiert für mich seitdem mich selbst und alles andere als eine Insel.

Willst Du etwa sagen, dass “Elba” ein Konzeptalbum ist?
Nein! Das Album dreht sich darum, genau die Situation zu erkunden, in der du dich in diesem Moment gerade befindest.

Wird es mit der Zeit leichter oder schwieriger für Dich, Deine intimsten Gefühle öffentlich zu teilen?
Ich bin daran gewöhnt. Meine Musik war bisher immer autobiografisch und ich bin relativ offen meinen Zuhörern gegenüber. Das ist fast wie eine kostenlose Therapie. Dadurch fühle ich mich weniger allein, weil es anderen genauso geht wie mir.

Ohne welche fünf Künstler könntest Du unmöglich leben?
Kate Bush. Queen. Peter Gabriel. Joni Mitchell. James Blake. Und darf ich noch einen nennen? George Harrison. Ich wollte eigentlich erst die Beatles sagen, aber im Grunde ist es nur George.

Warum gerade George?
Er sah am Besten aus! Nein, Spaß beiseite, er war textlich einfach am mutigsten. Sein Songwriting war sehr spirituell, ohne dabei moralisierend zu sein.

Und er hatte schöne Haare.
Das hatte er wahrlich! Er hatte tolle Haare. Die Frauen liebten ihn einfach.

Welches Lied hattest Du im Kopf, als Du heute morgen aufgewacht bist?
Oh Gott, das ist so peinlich! Ich habe gerade die „Best of“-CD der Backstreet Boys für einen Road Trip gekauft – wenn mehr als zwei Frauen im Auto dabei sind, dann muss man einfach die Backstreet Boys spielen – und seitdem bekomme ich „Show Me The Meaning of Being Lonely“ nicht mehr aus meinem Kopf. Damit bin ich dann auch heute morgen aufgewacht. Definitiv einer ihrer Klassiker.

Wie entdeckst Du neue Musik?
Naja, zum einen natürlich auf Spotify! Ich mag den sozialen Aspekt an Spotify. Ich erstelle schon seit je her sehr gerne Playlists und teile Mixtapes. Oft poste ich auch etwas online, wie zum Beispiel „OK, ich brauche neue Musik, ich habe einen 26-stündigen Flug vor mir. Hilfe!“ Und dann schicken mir Leute daraufhin Musikvorschläge zu. Ich habe 40 vertrauenswürdige Tastemaker, denen ich folge und bei denen ich regelmäßig nachgucke, was sie derzeit hören. Ich glaube, mit Hilfe von Spotify habe ich mehr Musik entdeckt, als in meinem ganzen Leben zuvor auf traditionelle Art und Weise. Zuletzt habe ich gerade die Musik von Cashmere Cat, Disclosure und Caribou kennen gelernt. Ach ja, und Timbre Timbre – das Lied „Bad Ritual“ ist brilliant!

Zu guter Letzt – die entscheidende Frage – was ist Dein Lieblingsgeräusch?
Der Klang des Windes, der durch die Segel der Segelboote in einem Hafen bläst. Dieses Geräusch des klimpernden Metalls und der knallenden Segel. Mein zweitliebstes Geräusch ist das Quietschen eines Tulpenfelds – die Tulpen quietschen, wenn sie aneinander reiben…

Was für eine niederländische Antwort!
Was soll ich sagen?