THE HEAD AND THE HEART: „Die Szene in Seattle ist ein sehr nahrhafter Boden für Musiker.”

The Head And The Heart Spotify Session BerlinIm Zuge ihrer letzten Europa-Tour haben uns die US-amerikanischen Folk-Rocker The Head And The Heart einen Besuch im Berliner Office abgestattet. Die Vorfreude auf das Sextett war groß, und die fünf Herren und die Dame aus Seattle wurden ihrem Ruf als exzellente Liveband absolut gerecht.Ganz besonders ragt der dreistimmige Gesang der Sänger Jonothan, Josiah und Charity heraus, der gepaart mit den eingängigen Harmonien und Melodien ein energetisches Gesamtkunstwerk ergibt. Bevor The Head And The Heart die bis zum letzten Quadratzentimeter mit Instrumenten vollgestellte Bühne betreten, setzen wir uns mit Jonathan Russel in eine ruhige Ecke, um über die Band zu plaudern.

Es ist nicht Euer erstes Mal in Deutschland. Welche Erfahrungswerte oder gar Klischees kommen Dir in den Sinn, wenn Du an das deutsche Publikum denkst?

Natürlich ist ein Klischee nie zu einhundert Prozent wahr, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass das deutsche Publikum sehr zurückhaltend ist. Das ist ein großer Unterschied zu den USA, wo Menschen zu unserer Musik abgehen, auch wenn sie uns nicht kennen. Wir haben live sehr viel Energie und wenn diese nicht erwidert wird, dann ergibt das einen fühlbaren Kontrast. Wenn sich die Menschen im Publikum zu Deiner Musik bewegen, bekommst Du als Musiker die Gewissheit, etwas richtig zu machen. Ist das nicht der Fall – wie in Deutschland – dann wird man unsicher und fragt sich: „Mögen die unsere Musik überhaupt?” Aber nach der Show kommen dann Leute auf uns zu, sagen, dass ihnen das Konzert gefallen hat und sind sehr wohlwollend. Das ist einfach ein kultureller Unterschied.

Die Anfänge von The Head And The Heart sind in einer Bar in Seattle zu verorten, wo Ihr bei Open-Mic-Veranstaltungen aufgetreten seid. Was war das für eine Zeit?

Damals waren wir noch keine vollständige Band – nur Josiah, der andere Sänger von The Head And The Heart, Painist Kenny und ich. In jeder freien Minute haben wir uns im Proberaum verschanzt, sind dann an die Arbeit gegangen und haben uns nachts bei Open-Mic-Sessions getroffen. Wir haben bemerkt, dass wir einen Ticken mehr Applaus bekommen als die anderen Künstler und dass unsere Songs und die Art, wie wir spielten, beim Publikum größeren Anklang fand. Das hat uns in unserem Selbstbewusstsein bestärkt. Die Szene in Seattle ist ein sehr nahrhafter Boden für Musiker. Vielleicht wären wir in New York, Nashville oder Chicago nie so weit gekommen, wer weiß.

Jonathan Russel, The Head And The HeartSeattle ist für Musiker ein mystischer Ort, immerhin wurde die Grunge-Bewegung dort gestartet. Dennoch kommen die wenigsten USA-Reisenden dort hin…

Seattle ist buchstäblich das genaue Gegenteil von Florida, dem Bundesstaat, in dem ich aufgewachsen bin. Ich war davor noch nie an der Westküste, deshalb fühlte sich die Stadt anfangs sehr surreal an, beinahe wie ein komplett anderes Land. Ich kam im Februar an, es regnete durchgehend und war um halb fünf Uhr abends schon dunkel. Ich fühlte mich miserabel, deprimiert und war komplett pleite. Solche Situationen können für Musiker sehr inspirierend sein. Ich habe viel Wein getrunken, bin nachts mit Kopfhörern durch die Straßen gezogen und habe Songs geschrieben.

Muss hart gewesen sein, von Florida ins verregnete Seattle zu ziehen.

Ja, aber nicht nur wegen des Wetters, es gibt auch Unterschiede in der Mentalität der Menschen. Ich war ein kleiner Junge vom Land und sehr naiv. In Virginia wird man von jedermann auf der Straße gegrüßt, in Seattle ist das anders: Es dauert hier eine Zeit, bis sich die Menschen öffnen und man mit ihnen ins Gespräch kommen kann. Als Musiker hat man es da ein bisschen leichter, man ist schnell Teil einer Community.

Seit der Veröffentlichung Eures Debütalbums in 2011 habt Ihr Euch eine große Fangemeinde erarbeitet. Das spiegelt sich auch in den Streams auf Spotify wider: „Lost In My Mind” wurde bereits über 8 Millionen Mal gestreamt.

Was, echt? Das wusste ich gar nicht! Ich nehme an, das ist ein gutes Zeichen. Ich bin kein Technologie getriebener Mensch und beschäftige mich nicht mit solchen Dingen. Aber ich weiß, dass viele Menschen Streamingdienste nutzen um neue Musik zu entdecken.

Wo entdeckst Du neue Musik?

Meistens durch Mundpropaganda, obwohl ich zugeben muss, dass mich neue Bands eigentlich nicht interessieren und deshalb viel Überzeugungsarbeit geleistet werden muss. Es gab so viele großartige Künstler vor unserer Zeit, ich stehe total auf alten Jazz. Ein guter Weg, sich mit Jazz zu befassen, ist Bücher zu lesen. Ich habe in der Biografie über Miles Davis mehr über John Coltrane und Charles Mingus erfahren und angefangen, mich mit diesen Musikern zu beschäftigen.

Ich konnte vorhin einen Blick auf Eure Setliste erhaschen. Ihr beginnt die Office Session heute mit „Another Story”. Was ist die Geschichte hinter diesem Song?

Dieser Song ist einer, der mir besonders wichtig ist. Die Entstehungsgeschichte ist sehr traurig: Es geht um einen Amoklauf in einer Grundschule in New Haven, Connecticut.Die öffentlichen Radiostationen haben nach dem Massaker wochenlang darüber berichtet und viele Interviews mit Eltern gesendet. Zwischendurch musste ich einfach das Radio ausschalten, weil es mich so mitgenommen hat. Ich wollte etwas tun, einen hilfreichen Beitrag leisten, also begann ich diesen Song zu schreiben. Nachdem „Another Story” veröffentlicht war, haben wir einige E-Mails von Eltern erhalten, die ihre Kinder verloren hatten. Es war ein sehr ernüchterndes Gefühl, das schwer in Worte zu fassen ist. Man konnte ihre Stimmen förmlich durch ihre E-Mails hören. Fast hätte ich den Song nicht fertig gemacht, weil ich daran zweifelte, ob ich überhaupt ein Recht dazu hatte.

Danke für das Gespräch, Jonathan, wir freuen uns schon sehr auf Eure Office Session!