Oliver Koletzki: „Ich könnte auch gewollt Musik machen – wie David Guetta.”

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2005 erlangte Oliver Koletzki mit „Der Mückenschwarm” internationale Bekanntheit und galt als Newcomer der Stunde. Mit der Veröffentlichung seines ersten Albums „Get Wasted” zementierte er seinen Ruf in der Szene, spiele Gigs in allen wichtigen europäischen Clubs und war Resident in der legendären Bar 25. Heute, neun Jahre später, erscheint Oliver Koletzkis fünftes Studioalbum „I am OK”. Er führt darauf das fort, was er bei den beiden „Großstadtmärchen”-Alben begonnen hat: klassische Songstrukturen und eingängige Stücke, performt von unterschiedlichen Sängerinnen und Sängern. Wir haben den Produzenten, DJ und Labelbetreiber Oliver Koletzki getroffen, um mehr über sein neues Werk in Erfahrung zu bringen.

Du bist Chef des Labels “Stil vor Talent” und bringst Dein neues Album dennoch auf einem Majorlabel raus. Was hat Dich dazu verleitet?

Das ist tatsächlich schon das zweite Album, das ich auf einem Major veröffentliche. Universal hat mir vor drei Jahren ein Angebot gemacht und ich habe angenommen. Es war keine leichte Entscheidung. Stil vor Talent ist über die Zeit so gewachsen, dass wir auch größere Themen selbst stemmen könnten. Aber Majorlabels haben einfach mehr Kohle und können viel mehr für Videos ausgeben. Auch in Sachen Promo- und Marketingmaßnahmen sitzen sie am längeren Hebel. Sie wissen aber um unsere Stärken bei Stil vor Talent Bescheid: Unser Comiczeichner ist für das Artwork verantwortlich und auch die Videos wurden von unserem Team gemacht. Deshalb ist der Unterschied in der Außenwirkung gar nicht so groß.

Du bist Labelboss und Künstler in einer Person. Ist das manchmal ein bisschen schizophren?

Manchmal ist das wirklich schwierig. Bei Stil vor Talent bin ich der große Labelboss und A&R, der sagt: „Du, mit dem Album bin ich noch nicht zufrieden, da musst du nochmal ran.” Jetzt muss ich Fiete Klatt, meinem A&R bei Universal, mein Werk präsentieren und bin teilweise in einer Überzeugungsposition. Ich muss ihm verkaufen, woran ich ein Jahr lang schwer gearbeitet habe. Wir verstehen uns aber gut und sind auch privat befreundet, deshalb gab es keine großen Reibungspunkte.

Bist Du selbst Dein größter Kritiker?

Ich bin kein Perfektionist, aber schon selbstkritisch und setze mich selbst total unter Druck. Von Jahr zu Jahr hörenmir mehr Leute zu. Ich möchte meinen treuen Fankreis nicht enttäuschen. Mir geht es nicht so sehr um Verkaufszahlen, ich möchte einfach gute Arbeit abliefern und meinem Sound treu bleiben. Bevor ich ein Album veröffentliche, spiele ich es meinen Freunden vor, die mich seit vielen Jahren begleiten. Ich bin kein beratungsresistenter Mensch und nehme ihre Kritik auch an.

Oliver Koletzki 01Du wolltest für dieses Album wieder Tracks machen, die Du auch selbst auflegen kannst. Gehst Du das konzeptionell an oder lässt Du auch mal laufen?

Ich gehe in mein Studio, spiele ein bisschen am Klavier, setze mich an den Drumcomputer und mache Beats. Es kommt alles auf natürliche Weise aus mir heraus. Ich darf auf keinen Fall verkrampfen, sonst klappt es nicht. Wenn ich Musik mache, passiert alles von ganz alleine. Ich habe einen gewissen Bekanntheitsgrad und könnte auch gewollt Musik machen wie David Guetta. Ich wäre technisch in der Lage dazu und diese Art von Musik würde sich wahrscheinlich auch besser verkaufen. Aber das möchte ich einfach nicht. Die Leute sollen mir meinen Sound auf jeden Fall abnehmen.

Hast Du eine Lieblings-Kollaboration auf Deinem neuen Album?

Die Indie-Band Nörd bzw. der Sänger Leo sind mit zwei Tracks vertreten und das hat auch einen Grund: Die Zusammenarbeit war mega! Er konnte eine gewisse Traurigkeit und Melancholie umsetzen, die mir sehr gut gefallen hat.

Überlässt Du das Texten immer Deinen Gastsängern oder machst Du das auch mal selbst?

Ich kann nicht mal ein vierzeiliges Gedicht schreiben! Davon in ich also weit entfernt. Meine Sänger sollen eigenständige Künstler bleiben und aus dieser Symbiose entsteht etwas Neues, Spannendes. Manchmal war es so, dass ein Sänger meinem Instrumental eine ganz neue Richtung gegeben hat. Ich gebe schon Tipps, lasse ihnen aber ansonsten freie Hand.

Nach welchen Kriterien wählst Du Deine Sänger aus, die auf Deinem Album zu hören sind?

Ich wähle nur Leute aus, die ich auch kenne und von denen ich weiß, dass sie menschlich cool sind. Ich setze nicht wie andere auf Namedroppings und hole mir möglichst bekannte Namen als Vokalisten, wie es zum Beispiel WestBam auf seinem letzten Album gemacht hat. Ich achte auch bei Stil vor Talent drauf, dass ich keine Prinzessinnen oder arrogante Menschen auf meinem Label habe, das ist mir unglaublich wichtig. Ich muss ja mit denen zusammen arbeiten und zusammen auftreten. Bodenständige und bescheidene Menschen sind mir sehr lieb.

Wie findest Du etwas über die Persönlichkeit eines Künstlers heraus, den Du interessant findest?

Im Moment müssen wir bei Stil vor Talent gucken, dass wir nicht zu schnell wachsen. Ich möchte nicht Gefahr laufen, dass ich Künstler zu schnell unter Vertrag nehme. Wenn uns einmal einer zusagt, laden wir ihn ins Büro ein, wir unterhalten uns und ich stelle ein paar Schlüsselfragen um zu sehen, was das für ein Charakter ist. Dann buche ich ihn meistens schon mal für eine Party im Watergate oder so und nötige ihn, bis zum nächsten Morgen zu bleiben und mit mir ein paar Bier zu trinken.

Leidet Dein Privatleben darunter, dass Du in so vielen Funktionen aktiv und unterwegs bist?

Über die Jahre lernt man, dass gutes Zeitmanagement alles ist und dass Rituale wichtig sind. Meine Wohnung ist nur fünfzig Meter vom Büro entfernt. Um zehn Uhr haben wir täglich ein Meeting, danach fahre ich zum Schlesischen Tor in mein Studio. Abends achte ich darauf, den Laptop und das iPhone wegzulegen und verbringe Zeit mit meiner Frau Fran und meinem Hund. Manchmal gucken wir einfach ganz plump Fernsehen und sonntags gehen wir auch gerne mal auf den Flohmarkt.